Justizwaisen

Die Internet Zeitschrift des Vereins Dialog für Kinder Österreich

Das ist ja so ungerecht!

10.01.11 (- Sonstige)

Gerechtigkeit,Mag. Ulrich Wanderer
alle suchen sie, alle kennen sie, keiner bekommt sie.

Das ist ja so ungerecht!

Meint der Kläger, sobald seine Klage abgewiesen wird, der Antragsteller, wenn den Argumenten der Gegenseite eher Glauben geschenkt wird, als den seinigen.
Meint der Zeitungsleser, wenn er die Beschreibung des Lottogewinners liest, die eindeutig nicht auf ihn zutrifft, wenngleich er doch auch einen Systemschein ausgefüllt hat ebenso, wie auch der Sportler, der aufgrund einer Verletzung nicht beim Wettkampf starten kann.

Oft sind es nur  kleine Malheurs, welche die Menschen dazu bringen, sich über die Ungerechtigkeit des Lebens zu beklagen. Ein Zug wird versäumt, eine Beförderung verweigert, eine Hoffnung enttäuscht. Es hält sich diese Enttäuschung freilich insgeheim in Grenzen, solange die kleinen  Ungerechtigkeiten vor den großen Katastrophen schützen. Besser das Wetter am Urlaubsort ist schlechter als zuhause, als eine unheilbare Krankheit, ein Todesfall oder ein alles vernichtendes Erdbeben. Ein Wechsel der Perspektive macht es oft einfacher, eine scheinbare Ungerechtigkeit zu ertragen. Doch der Ehrlichkeit halber sei zugestanden, bei einem persönlichen Schicksalsschlag „hilft“ der jüngste Vulkanausbruch am anderen Ende der Welt auch nur wenig.

 Seltsam, nie wird die Ungerechtigkeit im Zusammenhang mit positiven Erlebnissen genannt, nie würde der Gewinner des Prozesses sich dieses Vokabulars bemächtigen, nie würde der Lottogewinner dran denken, dass er doch exakt dieselben ungerechten Chancen hatte, wie jeder andere. Und doch hat nur er gewonnen. 

Wir lernen also, ungerecht ist es nur, wenn man auf der falschen Seite steht. Gewinnen ist immer gerecht, verlieren meistens ungerecht.

Nachdem subjektive Befindlichkeiten zwar ein wundervolles Thema sind, jedoch die Rechtsordnung wie auch die Rechtsprechung mit Moralbegriffen und dem was in den 30er und 40er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts als „gesundes“ Volksempfinden (also quasi die von der Mehrheit empfundene Gerechtigkeit) galt, rückwirkend betrachtet eher suboptimale Erfahrungen gemacht hat, gilt dieser Maßstab heute nicht mehr als Messlatte für richterliche Sprüche.

Viel mehr gibt es die Rechtsprechung der Gerichte, insbesondere des Obersten Gerichtshofes.  Diese gründet sich auf der Basis der Gesetze, was uns zu einem kurzen Ausschnitt einer Vorlesung führt, die zumindest zur Studienzeit des Autors ein jeder Jus-Student durchlaufen durfte: in der „Einführung in die Rechtswissenschaften“ wird über das „positive“ Recht referiert: Im Gegensatz zum gottgewollten Naturrecht, dem oben erwähnten  Empfinden der Massen oder auch dem gerade aktuellen philosophischen Ansatz des Regierungsvordenkers stützt sich dieses „positive“ Recht nicht auf die inhaltliche Kontrolle, sondern rein auf die Art und Weise des Zustandekommens. Der Begriff „positiv“ leitet sich daher vom lateinischen PONERE, also setzen, legen ab.
Recht ist, was nach den verfassungsrechtlichen Vorgaben entstanden ist. Sollte dies der Mehrheit der Bevölkerung nicht passen, gibt es in der Demokratie immer die Möglichkeit, bei einer Wahl jener Partei die Stimme zu geben, die eine Änderung der Rechtslage im Wahlprogramm anbietet.

Recht im gesetzlichen Sinne ist also, was den verfassungsgesetzlichen Regeln gemäß entstanden ist.

Gerechtigkeit, was verstehen wir nun darunter?

Eine Abhandlung wäre leicht geschrieben und noch leichter verworfen, denn… es ist quasi unmöglich eine solche mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu verfassen. Kaum findet sich derselbe Gerechtigkeitsbegriff in der Diskussion zweier Partner, zweier Diskutanten. In einer heterogenen Gruppe geht wohl die Wahrscheinlichkeit einer Einigung auf einen umfassenden Begriff gegen Null. In einem Staat, welcher mit seiner Rechtsordnung ein Millionenvolk bedienen sollte, ist dieser Anspruch, dieser Wunsch nach einem allgemeinen Gerechtigkeitsbegriff absurd.

Das Recht bietet also eher die Spielregeln, in deren Rahmen sich die Rechtsanwender, den persönlichen Freiraum schaffen und in diesem ihren eigenen Gerechtigkeitsbegriff leben  können. Im normalen Leben führt dies zu keinerlei Problemen, doch, sollte einmal der Streitfall eintreten, sollte es gar einmal zur Trennung oder Scheidung kommen, so schalten die Emotionen auf Rot.

Wurde vorher der gemeinsame Konsens über alles gestellt, so ist dies nun freilich nicht mehr gewünscht. Nach dem Motto, „Ich hab ja nicht angefangen, aber jetzt wehre ich mich“ wird zum Preis der Selbstvernichtung oft ein Krieg angezettelt. Die Wut auf den Ex-Partner engt das Blickfeld ein, beschränkt das Denken auf einen schmalen Korridor, welcher als gerecht empfunden wird. Dies ist menschlich und nur allzu verständlich.[1]

Die Praxis lehrt zweierlei. Die Wut ist ein schlechter Führer in eine glückliche Zukunft. Selbstredend ist es verständlich, wenn Verletzungen mit barer Münze zurückgezahlt werden wollen, doch werden zukunftsträchtige Ergebnisse so selten erzielt.

Es bleibt freilich jeder Partei unbenommen, sich durch ungeschickte Argumentation in den Prozeßverlust zu dirigieren, jeder ist seines Glückes Schmied. Doch hört sich der Spaß in jenem Moment abrupt auf, in dem Kinder betroffen sind.
Bei allem Verständnis jener Elternteile, die überzeugt sind, im Ex das Böse schlechthin entdeckt zu haben, so hilft den Kindern in ihrer Entwicklung hier die oben erwähnte Rechtsordnung. Das Recht des Kindes auf beide Eltern. Ist normiert, ist definiert, ist so.
Man ist geneigt, zu sagen, ist positiv im doppelten Sinne. Dieses Recht ist kein Spielball, kein Trumpf im Ärmel, sondern eine der wichtigsten Aufgaben der Eltern, welche am besten im Dialog (für Kinder) wahrgenommen wird. Wird sie nicht wahrgenommen, so rächt sich dieses mit Sicherheit. Ach ja, es ist klar, dass das Recht auf Kontakt zu beiden Elternteilen immer nur der jeweils andere nicht wahrnimmt, oder? Man selbst ist ja unschuldig, nur der andere ist bös. Das ist ja so ungerecht.

Der Weg in die Zukunft steht also nicht über die Subjektivität der Gerechtigkeit, sondern nur über das Suchen des gemeinsamen Ziels offen. Ist dieses Ziel die einvernehmliche Scheidung, so besteht im Rahmen der Verhandlung über den Scheidungsvergleich die Möglichkeit , sich die eigene Zukunft zu gestalten. Der Mediator hilft dabei, das Ziel nicht zulasten der Subjektivität aus den Augen zu verlieren. Hier haben dann die Parteien, die Medianden die Möglichkeit, ihre Zukunft zu bestimmen und sind nicht von der Meinung, der Tagesverfassung des Richters abhängig.

Freilich, immer geht’s nicht, sind die Gräben zu tief, so ist die Unterstützung durch den Anwalt unumgänglich, denn wenn selbst Gerechtigkeit so schwer zu finden ist, wozu haben wir dann Gerichte?

Weil SELBSTGERECHTIGKEIT der Antrieb ist, sie aufzusuchen.

 [1] Der Autor nimmt ausdrücklich NICHT für sich an Anspruch, im Streitfalle über den Emotionen zu stehen.

Mag. Ulrich Wanderer ist selbständiger Mediator und Jurist bei der Ehe- und Familienberatung der ED Wien, sowie bei der Kontaktstelle für Alleinerziehende.
http://www.mediation-wanderer.at